Geschichte 1: Kaffee

Kaffee

Im ausgehenden 18. Jahrhundert stellte König Gustav III. von Schweden die Hypothese auf, dass Kaffee Gift sei, und ordnete eine klinische Studie an. Ein zum Tode verurteilter Häftling wurde begnadigt und dazu verurteilt, jeden Tag Kaffee zu trinken. Ein zweiter Häftling musste täglich Tee trinken und diente als Kontrollgruppe. Zwei Ärzte überwachten das Experiment.

Ergebnisse: Zuerst starb der eine Arzt. Dann der andere. Dann wurde der König ermordet. Dann starb der Teetrinker im Alter von 83 Jahren. Dann der Kaffeetrinker (Alter nicht bekannt).

Das Ergebnis der Studie hatte, wie üblich, keinen Einfluss auf die Entscheidungsträger. Der Genuss von Kaffee wurde in Schweden 1794 und noch einmal 1822 verboten.

König Gustav III. war sich sicher: Kaffee muss giftig sein. Um die üblen Wirkungen des Gebräus aber zu belegen, missbrauchte der Monarch, der Schweden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts regierte, zwei zum Tode verurteilte Häftlinge als Versuchsobjekte. Heute lässt sich sagen, die beiden Männer haben es verdammt gut erwischt. Erst bestellte Gustav III. den Henker ab, dann verdonnerte er einen der Verbrecher, fortan täglich Kaffee zu trinken. Der andere bekam dagegen Tee gereicht. Zwei Mediziner wurden beauftragt, das erwartete Siechtum zu dokumentieren. Das Experiment sollte zeigen, wie schnell Kaffee - im Gegensatz zu Tee - seine tödliche Wirkung entfaltet.

So saßen die Häftlinge im Kerker und tranken. Erst Tage und Wochen, dann Monate und Jahre. Sie tranken Tasse um Tasse, bis der erste der beiden gelehrten Versuchsleiter sein Leben ließ. Die beiden Häftlinge nahmen weiterhin ihren Kaffee und Tee, bis irgendwann der zweite Arzt starb. Auch als König Gustav III. ermordet wurde, reichten die Wärter Getränke in den Kerker. Schließlich starb der Tee- vor dem Kaffeetrinker - im Alter von 83 Jahren. Das Todesalter des zum Kaffee Verurteilten ist zwar unbekannt, doch sicher ist, dass die robuste Konstitution des unfreiwilligen Probanden nicht die Mär vom giftigen Kaffee aus den Köpfen der Europäer getrieben hat: Bis heute werden dem Getränk allerlei negative Eigenschaften zugesprochen.

 


Spiegel Online

8.5.07 13:39

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